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Welcher Erziehungsstil stärkt mein Kind?

„Wir können nicht nicht erziehen.“

Die Art und Weise wie wir unseren Kindern begegnen und unsere Beziehung zu ihnen gestalten, wirkt sich zwangsläufig auf ihre Entwicklung aus. Darüber dürfen wir uns als Eltern im Klaren sein. Heutzutage gibt es so viele verschiedene pädagogische Haltungen, Ansichten und Erziehungsstile wie nie zuvor. Es besteht geschichtlich erstmalig genügend Raum, Informationen und Bildung, um über die Erziehung unserer Kinder bewusst entscheiden zu können. Kurz gesagt: Vorgelebte Erziehungsmuster können auf Grundlage der aktuellen Forschung reflektiert und verändert werden.

 

Doch was bedeutet das konkret? Insbesondere im Kontext höherer äußerer Anforderungen durch Schnelllebigkeit, erhöhte Stressbelastung und Burn-out-Gefahr dürfen wir uns als Eltern folgende Fragen stellen:

 

  • Welcher Erziehungsstil stärkt unser Kind wirklich?
  • Ist die Art und Weise, in der wir es begleiten, tatsächlich die sinnvollste oder gibt es Alternativen?

Autoritäre Erziehung – der Einfluss unserer Geschichte

Der autoritäre Erziehungsstil hat vor allem im deutschsprachigen Raum und in den umliegenden Ländern eine besondere Relevanz. Bereits seit der Industrialisierung hat der Gedanke, dass Kinder zu funktionieren haben, unsere vorherigen Generationen sehr geprägt. In der Zeit der Diktatur unter Adolf Hitler potenzierte sich das Ganze. Der klassische Erziehungsratgeber „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ der Ärztin Johanna Haarer etwa trug im Wesentlichen dazu bei. Ihre Kernaussage war es, Kinder zu Hörigkeit auf allen Ebenen zu erziehen.

 

Der autoritäre Erziehungsstil – was macht ihn genau aus?

- Eltern gelten als dem Kind moralisch überlegen

- das Kind gilt als leeres Gefäß, das geformt oder gefüllt werden muss

- das Kind hat sich anzupassen und widerstandlos zu gehorchen

- eigenständiges Denken wird nicht gefördert, sondern unterdrückt

- Disziplin und Strafen sind fester Bestandteil des Familienalltags (stille Treppe, böse Blicke, Ignorieren, laut werden…)

- Macht, Autorität und Gehorsam dienen als wichtige Werte und Orientierung

- verdeckte Feindseligkeit (Gedanke, dass das Kind gegen die Eltern ist, Grenzen testen will, sie austricksen möchte)


Welche Auswirkungen hat der autoritäre Erziehungsstil auf unsere Kinder?

Der Einfluss eines autoritären Erziehungsstils kann sich wie folgt zeigen:

- Kinder ignorieren häufig ihre Gefühle (Trauer, Wut, …)

- sie vermeiden Nähe und Abhängigkeit, weil sie gelernt haben, dass sie ihnen keine Sicherheit bieten

- sie erwarten Abweisung

- sie sind bei Belastung sehr schnell verunsichert

- sie zeigen sich misstrauisch


Mögliche (!) Langzeitfolgen für die Persönlichkeitsentwicklung können sein:

- Labilität und Starrheit bei Stressbelastung

- geringe Belastbarkeit durch mangelnde Integration und Kohärenz der Gefühle

- Überforderung mit der eigenen Gefühlswelt und Probleme sich selbst zu regulieren

- Unsicherheit, Ängstlichkeit, Hilflosigkeit im Alltag

- Aggression gegen andere

- Depression


Zusammenfassend lässt sich sagen: Ein autoritärer Erziehungsstil kreiert den perfekten, hörigen Staatsmenschen, der sogar Sicherheit durch die strikten Vorgaben im Außen fühlt. Eigenständiges Denken? Fehlanzeige!

Der antiautoritäre Erziehungsstil – eine Gegenbewegung

Der antiautoritäre Erziehungsstil ist auch unter dem Namen „laissez-faire“ bekannt, was „machen lassen“ bedeutet. Er kann als genaues Gegenteil des autoritären Erziehungsstils verstanden werden. Eltern haben hier womöglich erkannt, dass das was sie geschichtlich bezüglich Autorität und Gehorsam erlebt haben, nicht sinnvoll war und kehren es ins genaue Gegenteil um.


Antiautoritäre Erziehung – alle Infos auf einen Blick

Der antiautoritäre Erziehungsstil räumt dem Kind grenzenlose Freiheiten ein. Dadurch setzt er gleichzeitig voraus, dass unsere Mitmenschen in sozialer Interaktion mit unseren Kindern genauso offen und grenzenlos sind wie wir. Er ist gekennzeichnet durch:


- Freiheiten, Bedürfnisse und Wünsche des Kindes stehen an erster Stelle

- Kind bekommt sehr viel Raum und wird nicht eingeschränkt
keine Grenzen, Strafen oder Gehorsam

- gleichzeitig weniger Nachfrage seitens der Eltern (Bsp.: Was braucht das Kind gerade? Hat es verstanden, was hier sicher ist und was nicht? Braucht es noch einmal eine Erklärung/Unterstützung, um logische Konsequenzen nachvollziehen zu können?)

- häufig mangelt es an logischer Konsequenz und liebevoller Führung


Was macht der antiautoritäre Erziehungsstil langfristig mit unseren Kindern?

Der Erziehungsstil erscheint zunächst moderner, weil er dem Kind eine freiere Entfaltung ermöglichen soll. Er führt beim Kind jedoch häufig zu:

- dem Gefühl, dass es den Eltern gleichgültig ist
Überforderung, da Kinder evolutionsbiologisch eine hohe Anpassungsfähigkeit haben, kooperieren und sich anpassen möchten, aber hier der Raum dafür fehlt

- Die Resilienzforschung stellt heraus, dass eine verlässliche Beziehung, auf die sich ein Kind stützen kann, es am bedeutsamsten auf seinem Lebensweg stärkt. Die häufige Inkonsistenz und Inkonsequenz der antiautoritären Erziehung stellt für Kinder dabei wenig Verlässlichkeit dar.

So fasst auch Leandra Vogt in ihrem Buch zusammen:


„Kinder möchten in einer engen, offenen Beziehung auf Augenhöhe mit ihren Bezugspersonen stehen und versuchen sich stets anzupassen. Wenn sie merken, dass es keinerlei Widerstand und wirkliches Interesse gibt, kann das Auswirkungen haben, die eigentlich nicht unsere Intention waren.“
Leandra Vogt

Autoritativer Erziehungsstil oder auch Führung auch Augenhöhe

Die Auswirkungen oben genannter Erziehungsstile führen uns zum autoritativen Erziehungsstil. Er trägt aus Sicht der Bindungs- und Resilienzforschung in besonderem Maße zur Stärkung unserer Kinder beiträgt. Denn hier wird den Kindern durch liebevolle Führung „ein überschaubarer, klassischer Rahmen in dieser unbekannten, riesig großen Welt, in sie sich natürlich erst einmal zurechtfinden müssen“ geboten. (L. Vogt: „Uns haut so schnell nichts um“)


Der autoritative Erziehungsstil – ein kurzer Überblick

Wodurch zeichnet sich der autoritative Erziehungsstil genau aus?


- das Kind lebt mit seinen Eltern auf Augenhöhe

- es erfährt liebevolle Führung

- logische und begründete Konsequenzen sind Teil des Familienalltags

- Konsequenzen sind niemals willkürlich und nicht als Strafe einzuordnen wie beim autoritären Erziehungsstil

 

Natürlich kann Beziehungs- oder Bindungsorientierung, wie sie beim autoritativen Erziehungsstil gelebt wird, auch antiautoritäre Nuancen haben. Wir als Eltern schenken unserem Kind hier schließlich den Raum sich selbst zu erfahren, auszuprobieren und auch einmal Normen zu übertreten. Wichtig zu wissen: Nur dem Kind überhaupt bekannte Normen können ertastet werden.

 

Der sichere Rahmen, der durch uns Eltern geschaffen wird, muss also konträr dem antiautoritären Erziehungsstil erst einmal existieren. Dafür benötigt es unsere liebevolle Führung und die Begegnung auf Augenhöhe.
Schaffen wir den Raum für diese echte Begegnung miteinander, stärkt das einerseits die gesamte Familie und andererseits die Verbindung jedes einzelnen Familienmitglieds zu sich selbst. Zwei Formen der Verbindung, die wir als Menschen so dringend brauchen.

 


Quellen:
John Bowlby (2016): Frühe Bindung und kindliche Entwicklung. Ernst Reinhardt Verlag.
Leandra Vogt (2021): Uns haut so schnell nichts um. 8 Schlüssel der Resilienz für dein Kind und dich. Beltz Verlag.

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