Was sind Risikofaktoren?

Das sagt die Resilienzforschung

Aus den Studien der Resilienzforschung ergibt sich, dass es bestimmte Bedingungen im Leben gibt, unter denen nachweislich die gesunde Entwicklung unserer Kinder leiden könnte oder durch die unsere eigene Veranlagung zur Resilienz in unserer Kindheit beeinträchtigt wurde. An dieser Stelle möchte ich in aller Deutlichkeit anmerken: Die hier gelisteten Risikofaktoren können die gesunde psychische und physische Entwicklung deines Kindes hemmen, müssen dies aber nicht tun. Auch dann, wenn dein Kind mit mehreren dieser Faktoren in Berührung gekommen ist, muss das nicht zwangsläufig bedeuten, dass dein Kind weniger resilienzfähig ist als andere. Gleiches gilt ebenso für dich selbst. Es mag sein, dass du deine Familie im Folgenden häufiger wieder erkennst, als dir lieb ist. Und ja, hier wird eine erhöhte Aufmerksamkeit angebracht sein. Doch ist dies kein Grund zu verzweifeln. Resilienz ist und bleibt ein dynamischer Prozess – und vor allem: trainierbar.

Liste der Risikofaktoren nach Wustmann:

Primäre Vulnerabilitätsfaktoren

  • prä-, peri- und postnatale Faktoren (zum Beispiel Frühgeburt, 
Geburtskomplikationen, niedriges Geburtsgewicht, Ernährungsdefizite, Erkrankung des Säuglings)
  • neuropsychologische Defizite
  • psychophysiologische Faktoren (zum Beispiel sehr niedriges 
Aktivitätsniveau)
  • genetische Faktoren (zum Beispiel Chromosomenanomalien)
  • chronische Erkrankungen (zum Beispiel Asthma, Neurodermitis, Krebs, schwere Herzfehler, hirnorganische Schädigungen)
  • schwierige Temperamentsmerkmale, frühes impulsives Verhalten, hohe Ablenkbarkeitgeringe kognitive Fähigkeiten (niedriger Intelligenzquotient, 
Defizite in der Wahrnehmung und sozial-kognitiven Informationsverarbeitung)

Sekundäre Vulnerabilitätsfaktoren

  • unsichere Bindungsorganisation
  • geringe Fähigkeiten zur Selbstregulation von Anspannung und 
Entspannung

Stressoren/Risikofaktoren

  • niedriger sozioökonomischer Status, chronische Armut
  • aversives Wohnumfeld (Wohngegenden mit hohem Kriminalitätsanteil)
  • chronische familiäre Disharmonie
  • elterliche Trennung und Scheidung
  • Alkohol- und Drogenmissbrauch der Eltern
  • psychische Störungen oder Erkrankungen eines bzw. beider Elternteile
  • Kriminalität der Eltern
  • Obdachlosigkeit
  • niedriges Bildungsniveau der Eltern
  • Abwesenheit eines Elternteils/alleinerziehender Elternteil
  • Erziehungsdefizite/ungünstige Erziehungspraktiken der Eltern 
(zum Beispiel inkonsequentes, zurückweisendes oder inkonsistentes Erziehungsverhalten, Uneinigkeit der Eltern in Erziehungsmethoden, körperliche Strafen, zu geringes Beaufsichtigungsverhalten, Desinteresse/Gleichgültigkeit gegenüber dem Kind, mangelnde Feinfühligkeit und Responsivität)
  • sehr junge Elternschaft (vor dem 18. Lebensjahr)
  • unerwünschte Schwangerschaft
  • häufige Umzüge, Schulwechsel
  • Migrationshintergrund in Verbindung mit niedrigem sozioökonomischem Status
  • soziale Isolation der Familie
  • Verlust eines Geschwisters oder engen Freundes
  • Geschwister mit einer Behinderung, Lern- oder Verhaltensstörung
  • mehr als vier Geschwister
  • Mobbing/Ablehnung durch Gleichaltrige
  • außerfamiliäre Unterbringung

Keine leichte Kost

Diese Liste ist keine leichte Kost. Unabhängig davon, inwieweit du oder dein Kind von einem oder mehreren dieser Faktoren betroffen seid – das Risikofaktorenkonzept kann Angst machen. Und das ist in Ordnung so. Der liebevolle Umgang mit der Angst ist ohnehin ein wichtiger Faktor in der Resilienzförderung. Lass ihn uns direkt an dieser Stelle integrieren.

 

Um dich zu ermutigen: Grundsätzlich kommt es viel weniger darauf an, ob die Risikofaktoren da sind, oder nicht (früher oder später erleben wir alle unsere persönlichen Herausforderungen), sondern viel mehr darauf, wie wir mit ihnen umgehen. 
Um dir diesen Umgang mit verschiedenen Risikofaktoren zu erleichtern, möchte ich hier noch einmal auf verschiedene Merkmale der Risikofaktoren eingehen und dir zeigen, dass der Risikofaktor allein nicht ausschlaggebend ist, sondern stets unser Umgang mit solchem.

Anhäufung der Belastungen

Die Resilienzforschung bestätigt, was ohnehin schon logisch erscheint: Je mehr Risikofaktoren im Leben eines Kindes auftreten, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass dessen innere Stärke den Belastungen nicht mehr standhalten kann und sich Entwicklungs- beziehungsweise Anpassungsstörungen entwickeln können.

 

Eine Studie von Rutter zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit für eine nachhaltige, negative Beeinträchtigung durch vier gleichzeitig auftretende Risikofaktoren zehnmal höher ist, als bei einem einzigen. Wir können daraus schlussfolgern, dass es wohl viel mehr auf die Häufung der Risikofaktoren ankommt als auf ihre Qualität.

 

Erlebt dein Kind also beispielsweise gerade die Scheidung von dir und seinem anderen Elternteil mit, so kann es doch sein, dass es diese Belastung durch verlässliche Beziehungen zu den Großeltern, seinen Freunden und durch die Selbstwirksamkeitserfahrung im Sportverein sehr gut kompensieren kann.

Dauer der Belastung

Ebenfalls beeinflusst die Dauer der Belastung unsere innere Stärke spürbar. Je länger wir dem herausfordernden Aspekt ausgesetzt sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass uns und unseren Kindern irgend- wann die Puste ausgeht.

 

Chronische Armut kann uns also mehr innere Stärke abverlangen als eine Herausforderung, die einmalig auftritt und nur kurze Zeit andauert. Wir als Eltern sind hier eingeladen zu handeln. Bemerken wir einen Risikofaktor in unserem oder dem Leben unseres Kindes, so dürfen wir nach Möglichkeiten suchen, diesen Faktor entweder zu beseitigen oder Strategien zu finden, um mit diesem lösungs- und chancenorientiert umzugehen. Das ist sicherlich leichter gesagt als getan.



Subjektive Bewertung der Risikobelastung

Die Art und Weise, wie wir einen Risikofaktor subjektiv bewerten, spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. So können zwei Menschen ein und denselben Risikofaktor zu ihrer Lebenserfahrung zählen und dessen Intensität der Belastung völlig anders wahrnehmen. Trennt sich beispielsweise ein Elternpaar, so kann dies von einem Kind als große Entlastung wahrgenommen werden, weil die ständigen, lauten Streitereien endlich beendet sind. Für ein anderes Kind steht in der gleichen Situation der Verlust des einen Elternteils im Vordergrund. Diese mögliche Verschiedenheit in der Auswirkung eines Risikofaktors nennt man in der Resilienzforschung »Multifinalität«.

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